Was lange währt, wird endlich geht so

Kapitel 7

Unten am Deich

Verwunschen liegt es da. Kletterpflanzen schlingen sich am Haus empor, Birken, Erlen und eine Buche säumen das alte Mauerwerk, und das Dach, kläglich mit alten Schieferschindeln bedeckt – an den großen Löchern im Giebel ragen hier und da die Dachbalken hervor –, und der marode Schornstein ragen in den Himmel. Die Fenster sind verhangen, mit was, weiß der Teufel, und ich habe keine Ahnung, wer hier einmal gewohnt hat. Aber das Haus, an einem Inlanddeich irgendwo in Kirchwerder gelegen, hat eine, im wahrsten Sinne des Wortes, ganz zauberhafte Ausstrahlung. Mensch und Tier, Bauern und Karren, Kinderstimmen, Katzen, die jagen, Stimmen und Schweiß, Beisammensein im Kerzenschein – alles an einem Ort mit einem Haus an diesem Deich. Völlig verklärt, denke ich, egal. So ist das nun mal.


Ich frage mich, wem dieses Gemäuer gehört. Was mach ich jetzt?
Nichts.
Doch ich fahre jede Woche, fast jeden Tag nach dem Kindergarten, an dem Haus vorbei und hoffe, dass irgendwann irgendjemand davor steht. Da steht aber keiner. Ein halbes Jahr lang tut sich nichts, bis schließlich eines Tages doch einer da steht, und ich halte an und frage.
„Entschuldigung, wissen sie vielleicht, wem dieses Haus gehört?“ Ich zeige mit meiner Hand auf die Ruine (kann man das so sagen?).
„Ne.“, sagt eine kleine Dame in bunten Federn.
„…“
„Ich komm nicht von hier.“
„A.“, (ich auch nicht).
„Was wollen sie denn damit?“
„Ach.“
„…“
„Danke trotzdem.“
Dann fahre ich weiter. Na toll.
Was soll ich machen? Ich fahre die Straße Woche für Woche so oft entlang, dass ich sie fast blind befahren könnte. Eines Tages schließlich steht da wieder wer, ich halte wieder an und frage wieder nach dem Haus.
„Das Haus da, wissen sie, wem das gehört?“, und so weiter und sofort.
„Ja. Ich weiß, wem das gehört.“, sagt die nette Frau.
„…“, ich kann es kaum glauben, mein Herz rutscht mir in die Hose, und ich sehe mich schon in voller Montur mit Hammer und Meißel (und sonstwas) das Haus sanieren. Alle helfen mit. Meine Freunde, meine Eltern, Tati und die Kinder, genau. Nach kürzester Zeit würde es wie in alten Zeiten erstrahlen und endlich könnte ich einen Blog schreiben, wie toll es ist, ein altes Haus* zu haben.
„Was wollen sie denn damit.“
„Ach.“, sage ich und überlege, wie ich ihr erklären soll, dass ich es kaufen will. „Also, na ja, ich weiß gar nicht, wie das gehen soll, das ist ja auch alles gar nicht so einfach, aber ich würde gucken, ob man es kaufen könnte.“
„Das?!“
„Na ja…“
„Da kann man doch nichts mehr machen! Das ist doch komplett marode. Wer soll das denn zahlen? Das lohnt nicht. Aber ich kann ihnen trotzdem die Adresse geben, wenn sie wollen.“
„Ja – ja, das wäre nett.“
Sie schreibt etwas auf eine Karte, ihre Visitenkarte, ist ja auch egal, was sie macht, und ich sehe mich wieder mit meiner Familie in goldene Zeiten* aufbrechen.
Zu Hause, am Abend, nach der Arbeit, zücke ich die Karte und lege sie vor mir auf den Küchentisch.
„Da steht ja gar keine Telefonnummer drauf!“, platzt es aus mir heraus.
„Papa, Numma?“ David fragt sich auch, was das soll.
„Tja, da müssen wir denen wohl mal einen Besuch abstatten!“, blitzmerkt Tati.
„Hm.“ Ich finde das komisch. Besuch abstatten. Hallo, wir wollen ihr Haus kaufen, was sagen sie dazu? Was soll man denn dazu sagen? Ich frage mich, ob das eine gute Idee ist und beschließe erst mal, einen Brief zu schreiben. Vielleicht kann man da auch etwas erklären, vielleicht kann man da was machen.
Am Abend schreibe ich also einen Brief, erkläre groß, wer wir sind, was wir machen und was wir wollen.
Am nächsten Tag steck ich ihn in den Briefkasten.
Wochen später haben wir immer noch keine Antwort erhalten.

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„Hallo.“
„Ja bitte?“
Ein paar weitere Wochen später stehen wir vor dem Haus einer alten Dame, der das verwunschene Haus weiter unten am Deich gehören soll. David im Arm, Tati an der Hand, stehen wir da, nackt und doof, und fühlen uns dämlich (aber wer auf Briefe nicht antwortet, muss eben mit Besuch rechnen – vielleicht).
„Es geht um ihr altes Bauernhaus, da am Deich, wir haben ihre Adresse von der Nachbarin, das schöne Haus da, das ist da ja nicht mehr in einem allzu guten Zustand …“, stottere ich.
„Ach wie schön.“, pfeift die alte Dame freudig.
Sofort sehe ich mich wieder mit meiner Familie das Haus aufbauen und so weiter, die alte Dame mittendrin, der haben wir das ja schließlich zu verdanken, und die Nachbarin ist auch dabei (der haben wir das ja auch zu verdanken).
„Vielleicht kann man da was machen.“, stammele ich weiter. „Ich meine, vielleicht kann man das wieder aufbauen und etwas daraus machen. Das wäre doch schön. Das liegt ja auch ganz schön.“
„Ja ja, schön ist das. Sie müssen wissen…“, die Dame möchte noch etwas sagen, da erscheint eine weitere, jüngere Frau, auf der Bildfläche.
„Was wollen sie hier? Was machen sie denn? Wir verkaufen nicht! Sehen sie nicht, dass es meiner Mutter nicht gut geht! Wir verkaufen das Haus nicht. Verschwinden sie!“
Wir versinken augenblicklich im Erdboden. Tati und ich gucken uns an, David schweigt.
„Gehen sie jetzt!“, ruft die Frau wieder. Die ältere Dame ist jetzt ruhig.
„Entschuldigung.“, sagen wir und gehen.
Wir fragen uns, ob wir nach Maklern aussehen. Oder nach Verbrechern. Andererseits wüsste ich auch nicht, wie ich reagieren würde, wenn einfach jemand vor der Tür steht und mein Haus kaufen will.

* Drei Jahre später haben wir immer noch kein altes Haus. Na gut. Ist ja auch alles nicht so einfach. Alle sagen, das dauert, seid ihr sicher und so weiter und sofort. Jaja. Wir sind dankbar für jeden Tipp. Aber wir sind auch dankbar für jeden, der uns nicht sofort für geisteskrank erklärt – so von wegen neues-Haus-altes-Haus-Problematik.

Wenn ihr irgendwelche Tipps für uns habt, würden wir uns wirklich sehr freuen, wenn ihr uns anmailen würdet (über eine tolle „Belohnung“ können wir dann auch reden ;) info@4lande.de